Das Phänomen Kubin
Dezember 1901 in Berlin: zum ersten Mal im deutschen Kunsthandel
zeigt Paul Cassirer in seinem Kunst-Salon eine Verkaufsausstellung
mit Werken von Vincent van Gogh. Cassirer war damals die wichtigste
Bastion der Moderne in der aufstrebenden Kunststadt Berlin. Gleichzeitig
mit van Gogh wird mit "mehreren Dutzend Blättern"
ein 24 Jahre junger, in München lebender Künstler vorgestellt.
Start mit van Gogh
Dieser Start mit van Gogh, auch mit Degas, Corinth und Monet ist
für Alfred Kubin ein unwahrscheinlicher Glücksfall. Kubin
über seine Erwartungen als junger Künstler: "Ich
hatte nach und nach über hundert Arbeiten beisammen, es ging
alles prächtig, nur - mein Geld wurde immer weniger. Da bekam
ich eine Aufforderung von Paul Cassirer, in seinem Berliner Kunstsalon
auszustellen, die mein Herz nicht wenig schweifte. Ich gab mich
der frohen Hoffnung hin, daß diese Ausstellung in dem geschätzten
Salon mich bekannt machen würde und der Anfang zu einer schönen,
von materiellen Sorgen befreiten Zukunft werden müßte.
Ich verwandte also beinahe mein letztes Geld auf Rahmen, Passepartouts
und dergl. und sandte die Kisten frohen Herzens nach Berlin. Ich
selbst reiste bald nach und war sehr befriedigt und stolz, als ich
meine Sachen zum erstenmal etwas fremd und feierlich auf den glatt
bespannten Wänden hängen sah. Leider war der pekuniäre
Erfolg der Ausstellung kaum nennenswert, doch erhielt ich eine große
Anzahl anerkennender Kritiken, die mich als neuen Künstler
begrüßten. Einige allerdings entsetzten sich auch über
"die Schreckenskammer' (Aus: Alfred Kubin: Die andere Seite,
Müller, München/Berlin, 1917, S. XXXI f.)
Die Fortsetzung der Karriere ist für Kubin dann harte Arbeit
und gelingt ihm mit vielen Beziehungen. In den nächsten fünf
Jahren stellt der junge Kubin u.a. aus in der Secession Wien, der
Berliner Secession, in München, Wiesbaden, Frankfurt, Linz,
Dresden, Prag, Karlsbad, Leipzig, Hamburg und Straßburg. Kubin
wird in der Folge auf Biennalen in Venedig gezeigt, in München
hängt ihm der junge Klee eine Ausstellung, in Zürich präsentieren
ihn H. Ball und T. Tzara. Er gehört zu den ersten Mitgliedern
des Blauen Reiter (2. Ausstellung 1912), wohin er Feininger vermittelt.
Kubin ist Mitglied der Berliner und Münchner Secession, der
Preußischen Akademie der Künste, später auch der
Reichskulturkammer Er stellt wie kein anderer in beinahe allen bedeutenden
deutschen Kunsthandlungen aus und ist nach dem Zweiten Weltkrieg
sogleich im Wiener "Art club" präsent.
Höchst populär
Bis vor einigen Jahren kennt man 177 Ausstellungen Kubins zu seinen
Lebzeiten. Es ist das Verdienst Karl-Heinz Meißners, der 1990
in einer Dokumentation 803 Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen
Kubins belegt. Heute kennt man über 850 solcher Unternehmungen.
Damit gehört Kubin zu den meist ausgestellten Künstlern
seiner Zeit.
Die unglaublich hohe Anzahl von Präsentationen und mehr als
2300 Illustrationen und Titelblattentwürfe für über
170 Bücher, die Publikation von 2000 Zeichnungen in Mappen
und Zeitschriften (u.a. "Simplicissimus") haben das Werk
von Alfred Kubin höchst populär gemacht. Dazu kommen über
180 lithographische Einzelblätter, über 130 Lithographien
in Mappen und eine weitere Anzahl dieser Druckgraphiken in Büchern.
Tausende Briefe
Kubin, der sich Zeit seines Lebens wenig für Massenmedien wie
Zeitungen und Radio interessiert, ist mit seiner Umwelt vor allem
durch persönliche Kontakte und Korrespondenz verbunden. Allein
die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München hütet
in seinem "Kubinarchiv" über 6000 Briefe des Künstlers.
Freundschaften und Briefwechsel pflegt Kubin mit Werner Bergengruen,
Hans Carossa, Salomo Friedländer/Mynona, Lyonel Feininger,
Hermann Hesse, Ernst Jünger, Paul Klee, Thomas Mann, Margret
Bilger, Anton Steinhart und vielen anderen. Der jüngst publizierte
Briefwechsel mit Hans Fronius umfaßt 271 Korrespondenzstücke.
Der beinahe lebenslängliche Briefverkehr mit dem Zeichner und
Schriftsteller Fritz von Herzmanovsky-Orlando, der im gleichen Monat
wie Kubin geboren wird, zählt 213 publizierte Positionen. Einen
dieser Briefe aus dem Jahre 1909, herrlich illustriert, zeigt die
Ausstellung in Salzburg. Kubin freut sich darin über das Erscheinen
seines Romans"Die andere Seite". Ich halte das erste gebundene
Exemplar meines Buches in Händen und sende es nun Dir als meinem
liebsten Freunde, bis das Werk im Buchhandel erscheint wird wohl
noch 1 Woche vergehen ... Und schreibe mir wie Du diese Arbeit findest.
Mein Verleger hofft auf einen sehr hübschen Erfolg denn einige"Größen"
welche einzelne Aushängebögen im Verlag sahen waren dadurch
schon sehr entzückt."
Kubins Roman begeistert weltweit und liegt in Übersetzungen
ins Englische, Französische, Italienische, Polnische, Spanische,
Tschechische, Schwedische bis ins Japanische vor. Deutsch ist derzeit
leider nur eine Taschenbuchausgabe ohne Kubins Illustrationen auf
dem Markt (für das Jubeljahr äußerst beschämend).
Eines der sehr seltenen Exemplare der in Pergament gebundenen Vorzugsausgabe
der ersten Auflage gehört seiner Frau Hedwig. Kubin benutzt
dieses Buch 1952 als Vorlage für die Neufassung seiner Illustrationen
und widmet es später seiner Haushälterin Cilly Lindinger.
Es wird ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein.
Eine weitere umfangreiche Korrespondenz führte Kubin mit seiner
Freundin Emmy Haesele in etwa 400 Briefen und Karten. Das ist die
zweitumfangreichste Korrespondenz nach der mit seiner Frau (vgl.
Barbara Wally: Emmy Haesele 1894-1987. Galerie Altnöder, Salzburg,
1993).
Briefe also über Briefe, für die Forschung ein dankbares,
aber schwer zu entzifferndes Feld.
Über 20.000 Zeichnungen
Kubins Werk ist in Museen bestens vertreten. Schätzt man sein
Werk auf über 20.000 Zeichnungen, so befindet sich über
ein Drittel dieser Arbeiten in Museumsbesitz. Dazu kommen bedeutende
und zahlreiche Blätter in privaten Sammlungen, von denen die
Sammlung Leopold in Wien den führenden Rang einnimmt. Eine
kleine aber feine Präsentation zeigt derzeit das Kubinkabinett
im Badhaus zu Leogang, wo der Hamburger Sammler Otto Paulick in
Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Sammlungen Kubins
Geburtstagsjubiläum gedenkt. Schwerpunkt dieser Präsentation
sind Kubins illustrierte Werke mit zahlreichen Entwürfen und
Originalvorlagen (Mi, Sa, So 16-19 Uhr, Telefon 06583 8215).
Skizzenbücher
Ein bisher nur wenig gehobener Schatz sind Kubins Skizzenbücher.
Kubin vermacht sein vorhandenes Werk 1955 in einem Schenkungsvertrag
der Republik Osterreich. Als das Oberösterreichische Landesmuseum
in Linz 1961 seinen Anteil am Nachlaß Kubins erhält,
befinden sich in diesem Bestand auch 70 Skizzenbücher. Sie
umfassen einen Zeitraum von 1899 bis 1944. Diese Skizzen stellen
für Kubin einen reichen Fundus dar, aus dem er immer wieder
Anregungen bezieht. Kubin darüber: "In vielen Notizbüchern
alter Jahre habe ich in zeichnerischer Kurzschrift, meist nur mir
verständlich, in Museen, auf Reisen oder auf Landspaziergängen
massenhaft Eindrücke skizziert, Geräte, Torbeschläge,
Intarsien, Turmhelme und alles, was da kreucht und fleucht. Diese
Heftchen dienten mir gar oft als Fundgruben. Sie halfen mir über
den toten Punkt hinweg und brachten alles wieder in Fluß"
(Aus: Abraham Horodisch, Alfred Kubin als Buchillustrator. Amsterdam,
1949, S. 32).
Besitzt das Landesmuseum in Linz 70 Skizzenbücher, so nennt
das Kubinarchiv in München 24 Skizzenbücher sein eigen.
Zu diesen 94 Büchern kommen elf, die über diese Galerie
gehandelt wurden und werden und etwa 5-7 in privatem Besitz. Einige
dieser Skizzenbücher, darunter solche zum Frühwerk bilden
einen Schwerpunkt der Salzburger Ausstellung.
Kubin, mythisch, grotesk, dann wieder trivial oder visionär
- sein immenses Werk und seine best organisierte hohe Präsenz
bis heute stellen ihn in die erste Reihe der österreichischen
Künstler.
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