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Alfred Kubin, Otto Mauer, Gott und der Teufel


Am 23. 10. 1941 schrieb Alfred Kubin im Schlösschen Zwickledt bei Wernstein im Innviertel den folgenden inzwischen legendär gewordenen Brief an Otto Mauer, der zu einer tiefen, bis zum Lebensende Kubins währenden Freundschaft zwischen dem außergewöhnlichen Künstler und dem außergewöhnlichen Priester führte:
„Sehr geehrter Herr Professor Mauer -
Unserem jungen Freund Fronius verdanke ich die Kenntnis Ihres Namens sowie - des man muß ehrlich sagen - fulminanten, ja erleuchteten Versuches Theologie d. bild. Kunst.
Gewiß werde ich mich sehr freuen, Sie am kommenden Dienstag vormittags, bei mir zu sehen - und freue mich auf ein gutes Treffen.
Mit meinem besten Gruß
Ihr sehr ergebener Alfred Kubin“
Kubin war von Otto Mauer sehr beeindruckt und fertigte unmittelbar nach dem Besuch die Zeichnung „Meine Arche“ an, die er dem Priester zu Weihnachten 1941 schenkte. Dieses Blatt war die erste von nahezu 600 Arbeiten, die Otto Mauer von Alfred Kubin im Laufe der langen und tiefen Freundschaft erhielt. Diese Blätter sind ein wertvoller Bestandteil der vom Erzbischöflichen Dom- und Diözesanmuseum Wien verwalteten „Sammlung Otto Mauer“.
In vielen tiefgehenden Gesprächen versuchte der Priester dem Künstler aus dessen Verstrickung in Ängsten und Traumgesichten herauszuhelfen. Von Alfred Kubin ist in diesem Zusammenhang der Satz „Sie wollen mir meine Ängste nehmen - aber die Angst ist ja mein Kapital!“ überliefert. Er fiel im Rahmen eines Gespräches zwischen ihm, Otto Mauer und dem Ortspfarrer von Wernstein, Alois Samhaber.
Der Priester, Domprediger und Kunstförderer Otto Mauer sah grundsätzlich im Künstler einen Sondermenschen, der dem Bösen und dem Guten besonders nahe steht. Für ihn war Alfred Kubin „ein von Dämonen Gequälter, jetzt ihnen verfallen, dann sich ihnen zu entwinden suchend. Vergeblicher Exorzist, der den einzigen Namen nicht gefunden hat (den ihm so naheliegenden Namen!), auf den sie reagieren: den Jesus-Namen“ (aus den Notizen seiner Rede zum 70. Geburtstag von Alfred Kubin).
Die Arbeiten Kubins sind sichtbares Zeichen dieser ständigen Auseinandersetzung mit dem Unschilderbaren. Buchstäblich bis zum letzten Augenblick hat der Priester Otto Mauer versucht, dem Künstler Alfred Kubin den Weg aus dem Labyrinth der Angst zu weisen. 1959, nach dem Begräbnis Alfred Kubins, sagte Otto Mauer: „Gott sei Dank haben wir Kubin christlich begraben. Hoffentlich ist er in dem Bewusstsein gestorben, dass ihm nichts passiert!" Denn Otto Mauer schrieb bereits 1941 in seiner Aphorismensammlung „Epigramme zur Kunst“:
„Der Künstler hat es mit dem Teufel zu tun; der eine als Besessener, der andere als Exorzist.“

Gerhard Ederndorfer
Direktor
Erzbischöfliches Dom- und Diözesanmuseum Wien

 

Msgr. Otto Mauer an Alfred Kubin zu seinem 80. Geburtstag


Wien, am 9. März 1957.
Sehr verehrter Meister und Freund,
zu Ihrem 80. Geburtstag, den morgen, man kann es sagen, die ganze kultivierte Welt feiert, meine herzlichsten Segenswünsche. Ihr Werk hat in einem Zeitalter naiver evolutionistischer Lebensbejahung einen gewaltigen kritischen Klang ertönen lassen. Die Unzuverlässigkeit und Kontingenz des Seienden, die Bedrohung des Menschen durch einen in ihm liegenden Abgrund, die sich unter ihm öffnende Welt des Dämonischen ist einem allzu optimistischen Zeitalter zur unmittelbaren Anschauung geworden. Ich glaube aber, dass gerade dieses das Unvergängliche Ihres Werkes ausmacht. Alle pantheisierenden kosmologischen Hilfskonstruktionen buddhistischer Provenienz, die es auch, in einer gewissen Periode, zeigt, werden etwas geistesgeschichtlich Vergängliches bleiben. Die Erschüttertheit und die Bedrohtheit des menschlichen Daseins aber werden ein Menetekel bilden, das ständig an die Wände unseres Zeitalters geschrieben bleibt. Dazu schulden wir Ihnen noch als Österreicher Dank für die Bodenständigkeit Ihrer Kunst ohne Ideologie und Tendenz. Von der österreichischen Landschaft, vom österreichischen Wesen und von unserer Geschichte ist Wesentliches in Ihren Blättern enthalten.
Ich werde in unserer Zeitschrift „Wort und Wahrheit“ vier der in der Albertina ausgestellten Blätter bringen und einen kleinen Essay dazu schreiben. Die Ausstellung in der Albertina hat mich überrascht durch die Fülle und Tiefsichtigkeit der nach 1945 entstandenen Blätter. Die Ausstellung findet auch sehr lebhaftes Interesse.
Die oberösterreichische Landesregierung und das Bundesministerium für Unterricht denken daran, ein repräsentatives österreichisches Kubinbuch herauszubringen, das Aufgaben bewältigen soll, die in Kurt Ottes Buch bei Rowohlt noch nicht geleistet worden sind. Mir hat man die Herausgabe angetragen, und ich hoffe, mit Hilfe von Direktor Benesch die Aufgabe übernehmen zu können.
Ich wünsche Ihnen für den Abend Ihres Lebens das Leuchten jenes göttlichen Lichtes, das seit der Auferstehung Christi diese Welt überstrahlt und uns in eine andere hinüberführt, die das Sterben nicht kennt.
Mit allen guten und herzlichen Wünschen bin ich


Ihr ergebener
(Msgr. Otto Mauer)

 

Msgr. Otto Mauer hielt Kubin für vom Teufel besessen. Erschreckt wehrt sich Emmy Haesele für ihren Freund und schreibt am
19. I. 1960 „an den Wernsteiner Pfarrer Samhaber":


Aber hier muß ich eingreifen, hier muß ich ihn in Schutz nehmen!! Ich leugne nicht den Überfall der Dämonen - ja! tausendmal Ja! er war ihnen ausgesetzt, er hat sie am eigenen Leib gespürt, er hat gefühlt, wie sie seine Seele in Besitz nehmen wollen - seine Seele, die empfindsam u. verletzlich war, wie die eines reinen, aber überaus scheuen Kindes. Er hat Angst gehabt, er hat sich gefürchtet - Ja! tausendmal: Ja! Aber seine Angst war die des Kindes, das sich im Finstern fürchtet! die des Kindes, das den Ansturm der Dämonen fühlt! und nicht, wie Monsignore behauptet, daß er Angst vor der Hölle gehabt hat, die ihm als Preis des Teufels sicher war.
Er hat unsere Angst getragen, er hat unsere Dämonengefährdung aufgezeichnet mit seinem Herzblut – bitte verzeihen Sie, daß ich so pathetisch werde, aber Sie, Hochwürden, haben ihn ja auch geliebt und ich bitte Sie herzlich: Sie, als der wirklich Berufene, könnten vielleicht dem Monsignore sagen, daß die Angst eines Kindes, das einsam in der Finsternis steht u. dem Ansturm der Dämonen preisgegeben ist, daß dieser Angstschrei, den es ausstößt, noch lange kein Beweis dafür ist, daß es einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist.


Rechte für die Texte Kubin bei Spangenberg/München

 
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